09 Sep. 2026
by Martin Cremer
Ein PHP-Monolith, gewachsen über 15 Jahre, zehn Fachdomänen, rund 1.100 Function Points und keine schriftliche Spezifikation. Mit KI wurde das ERP- und Finanzsystem vermessen, die Fachlogik rekonstruiert und auf eine geschichtete Java-Architektur gebracht. Das Ergebnis: 65 Personentage menschliche Arbeit, wo klassische Vorgehensweisen über 500 erfordern.

Auf einen Blick
Ein zentrales ERP- und Finanzsystem trägt zehn Fachdomänen in einer Codebasis. Über 15 Jahre sind rund 200 Elementarprozesse und eigene Kernbausteine hinzugekommen, darunter eine hauseigene State Machine und eine eigene Formelsprache. Die Spezifikation existierte im Code und in den Köpfen der Entwickler, nicht in der Dokumentation. Wir haben das System zuerst vermessen, dann seine Fachlogik mit KI rekonstruiert und anschließend auf eine geschichtete Zielarchitektur mit Java Spring Boot gebracht.
menschliche Arbeit über alle vier Phasen
weniger Aufwand gegenüber klassischem Vorgehen
vollständig spezifiziert und migriert
nach ISO 14143 vermessen und dokumentiert
Das System lief stabil und war weitgehend abgeschrieben. Die laufenden Kosten fielen kaum auf, die technische Schuld wuchs trotzdem weiter. Zehn Fachdomänen teilten eine Codebasis, Berechtigungen und Prozesssteuerung liefen über Eigenbauten, Schema-Änderungen entstanden von Hand.
Drei Wege standen zur Debatte. Weiterlaufen lassen verschiebt das Problem. Ein Neubau mit gleicher Funktionalität bindet ein Budget, das keinen fachlichen Mehrwert schafft. Eine lange Analysephase bindet die Fachbereiche über Monate und endet häufig bei Folien statt bei Ergebnissen.
Hinzu kam: Die Spezifikation des Systems existierte nicht auf Papier. Sie lebte im Code und im Erfahrungswissen einzelner Entwickler. Jede Modernisierung ohne vorherige Rekonstruktion dieses Wissens wäre auf einer unsicheren Grundlage gestartet.
Wir haben uns für einen vierten Weg entschieden: zuerst vermessen, dann verstehen, dann bauen. Jede Phase liefert ein Ergebnis, das unabhängig von den folgenden Schritten verwertbar ist. Fachbereich, IT und Einkauf sprechen damit von Anfang an über dieselbe Zahlenbasis.
Den Ausgangspunkt bildete eine KI-gestützte Function-Point-Analyse nach ISO 14143. Das Verfahren ist etabliert und herstellerneutral. Es misst den fachlichen Umfang über Eingaben, Ausgaben, Datenbestände und Schnittstellen und liefert damit eine objektive Grundlage für Aufwands- und Budgetschätzungen — bevor ein einziger Euro Entwicklungsbudget fließt.
In der zweiten Phase rekonstruierten wir die Fachlogik aus drei unabhängigen Quellen: Source Code, vorhandene Dokumentation und automatisierte Tests am laufenden System. Daraus entstanden ein vollständiges Domänenmodell, strukturierte Use Cases und Regeln und Algorithmen als Pseudocode. In der dritten Phase legten wir die Zielarchitektur fest: strikt geschichtet, je Fachdomäne ein Paket, Abhängigkeiten nur nach unten. Vier Eigenbauten wurden durch etablierte Standards ersetzt.
In der Umsetzungsphase arbeitete ein Squad aus mehr als zehn KI-Agenten parallel an Design, Implementierung, Test und Qualitätssicherung. Erfahrene Entwickler steuerten die Orchestrierung und trafen alle wesentlichen Architektur- und Qualitätsentscheidungen. Weil die Anforderungen aus Phase 2 lückenlos vorlagen, konnten die Agenten sinnvoll parallel arbeiten.
Herstellerneutrale Function-Point-Analyse als objektive Grundlage für Aufwand und Budget
Fachlogik aus Source Code, Dokumentation und Tests rekonstruiert
Domänenmodell, Use Cases und Algorithmen als Pseudocode dokumentiert
Java Spring Boot, je Fachdomäne ein Paket, Abhängigkeiten nur nach unten
Mehr als zehn Agenten parallel in Design, Implementierung, Test und QS
Java, Spring Boot, MariaDB, Flyway, Flowable und Docker, breit verfügbar am Markt
Über alle vier Phasen summiert sich die menschliche Arbeit auf 65 Personentage, gegenüber über 500 im klassischen Vorgehen. Die Arbeit verschwindet dabei nicht, sie verlagert sich vom Schreiben auf das Prüfen und Entscheiden.
Die Vermessung nach ISO 14143 kostete 3 Personentage, klassisch wären es rund 15. Die Spezifikation der Fachlogik lag bei 7 Personentagen, gegenüber rund 120 im klassischen Vorgehen. Planung und Architekturentscheidung beanspruchten 5 Personentage statt rund 40. Die Umsetzung schloss mit 50 Personentagen ab, wo klassische Projekte dieser Größe rund 330 veranschlagen.
Neben der Aufwandsreduzierung liefert das Projekt zwei weitere Ergebnisse, die über den Go-live hinaus wirken. Das Fachwissen liegt erstmals vollständig dokumentiert vor: Domänenmodell, Use Cases und Rechenregeln sind schriftlich fixiert und bleiben dem Unternehmen erhalten, unabhängig davon, welche Personen es künftig verlassen. Und die Zielarchitektur setzt auf Technologien mit breiter Marktabdeckung. Betrieb und Wartung bleiben langfristig planbar, und die freie Wahl bleibt erhalten, wer das System weiterentwickelt.
| Phase | Aufwand | Klassischer Erfahrungswert |
|---|---|---|
| Vermessen | 3 PT | ca. 15 PT |
| Verstehen | 7 PT | ca. 120 PT |
| Planen und entscheiden | 5 PT | ca. 40 PT |
| Umsetzen | 50 PT | ca. 330 PT |
| Summe | 65 PT | über 500 PT |
65 statt über 500 Personentage menschliche Arbeit
Domänenmodell, Use Cases und Algorithmen schriftlich fixiert
Marktgängige Technologien, freie Wahl bei Betrieb und Weiterentwicklung
Vollständig spezifiziert, architektonisch sauber getrennt
State Machine, Formelsprache, Rechtesystem und Schema-Änderungen durch Standards ersetzt
Function-Point-Analyse vor erstem Entwicklungsbudget — Fachbereich, IT und Einkauf auf einer Zahl
Der Ansatz ist reproduzierbar. Was wir hier erprobt haben, lässt sich auf jedes Legacy-System übertragen, das über Jahre gewachsen ist und dessen Dokumentation nicht mehr mit der Realität übereinstimmt. Die Function-Point-Analyse schafft Transparenz, bevor Budgetentscheidungen fallen. Die KI-gestützte Spezifikation macht implizites Wissen explizit. Und die geschichtete Zielarchitektur sorgt dafür, dass das neue System nicht in zehn Jahren dieselben Probleme hat wie das alte.
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