Citizen Developer – ein neues Buzzword oder eine sinnvolle Antwort auf den IT-Fachkräftemangel?

Heros- Citizen Developer

Ein Citizen Developer (die deutsche Übersetzung als „ziviler Entwickler“ ist hier wenig sinnvoll und hilfreich) ist ein Fachanwender, der auch neue Anwendungen erstellt und vorhandene Anwendungen erweitert und verändert. Hierzu benutzt der Citizen Developer im Gegensatz zu einem klassischen („professionellen“) Software-Entwickler modulare IT Werkzeuge auf einem höheren Abstraktionsniveau, um so mit viel geringerem technischen Sachverstand und programmiertechnischen Vorkenntnissen, möglichst selbstständig Anwendungen über Konfiguration und Modellierung zu erstellen, statt durch aufwändige Entwicklungsleistung der klassischen IT-Abteilung.

Bei den vielfältigen und umfangreichen Herausforderungen der Digitalisierung von Geschäftsprozessen und dem immensen Mangel an qualifizierten IT-Fachkräften, stellt sich die Frage, ob und wieweit dieser Ansatz ein sinnvoller Beitrag sein kann.

Im Rahmen dieses Artikels werden wir die wesentlichen Chancen und Risiken für die Etablierung von Citizen Developer in Unternehmen vorstellen und konkrete Handlungsempfehlungen zur erfolgreichen Einführung bereitstellen.

Anforderungen an Citizen Developer

Die Anforderungen an einen Citizen Developer lassen sich in die drei Bereiche gliedern:

Citizen Developer

Domain Knowledge (Fachkompetenz)

Der Citizen Developer ist organisatorisch dem Fachbereich zugeordnet und hat somit auch meist ein sehr gutes und aktuelles Verständnis von fachlichen Anforderungen und Herausforderungen als auch den möglichen Lösungsansätzen. Der Vorteil eines tiefen Verständnisses für seine Domain ist zugleich aber auch ein großer Nachteil, weil der Citizen Developer nur seinen eigenen Ausschnitt aus dem großen Ganzen kennt und oftmals keine übergreifende Prozessverantwortung Ende-zu-Ende in Unternehmen existiert. Daher gilt es das Risiko zu mitigieren, dass Insellösungen entstehen, die den gesamten Wert entlang der Prozesskette nicht berücksichtigt.

Low-Code Plattformen

Vielfach haben sich Fachbereiche basierend auf einfachen Tools selbst Lösungen losgelöst von der IT gebaut („Schatten IT“). So dürften vermutlich die meisten Unternehmen in existenzielle Probleme kommen, wenn Excel nicht mehr zur Verfügung steht. Auch Ansätze über Robotics Process Automation (RPA) haben vielfach den Wildwuchs verschärft. Die Motivationen hierzu sind verständlich und nachvollziehbar: Die IT-Abteilung hat oftmals nicht die Kapazität, Lösungen sind zu teuer und bis die Anforderungen klar beschrieben sind, hat der Mitarbeiter längst selbst schon schnell eine Lösung mit Excel oder ähnlichen Tools gebaut. Diese Vorzüge der „Demokratisierung der Softwareentwicklung“ bergen aber auch Nachteile und die Risiken sind mindestens genauso schwerwiegend: Wartbarkeit, IT-Sicherheit, Datenschutz und Skalierbarkeit bleiben auf der Strecke.

So sind in den letzten Jahren vermehrt sogenannte Low-Code Plattformen entstanden, um hier Abhilfe zu schaffen.

Low-Code Plattformen bieten einfache(re) Möglichkeiten, um Anwendungen mit Modellierungs- und grafischen Applikationswerkzeugen zu gestalten. Wie der Name schon sagt, erfordert Low-Code nur sehr wenig klassische Programmierung, um eine Anwendung zu erstellen. Anwendungen werden nicht Zeile für Zeile geschrieben, sondern eher modelliert und Formulare und User Interfaces (UI) mit einem Drag-and-Drop-Ansatz gebaut. Für die Umsetzung vieler Anforderungen ist somit vielfach kein professioneller IT-Entwickler mehr notwendig und genau hier kommt der Citizen Developer ins Spiel. Er kennt die Möglichkeiten der Low-Code Plattform und kann im Rahmen seiner Berechtigungen Anforderungen teils komplett autark von der IT umsetzen.

Entscheidend ist hier bei Unternehmen die strategische Wahl der richtigen Low-Code Plattform. So gilt es neben der funktionalen Vielfalt und der Flexibilität bei Konfiguration und Modellierung auch auf die Offenheit und Unterstützung von etablierten Standards zu achten. So haben sich zum Beispiel für die Modellierung (und Digitalisierung) von Geschäftsprozessen offene Standards vie BPMN , DMN und CMMN  etabliert und diese sollten von einer Low-Code Plattform auch unterstützt werden.

BizDevOps und Fusion Teams

Unbestrittene Voraussetzung und auch Erfolgskriterium für Vorhaben der Digitisierung sind agile Vorgehen (z.B. Scrum). Anforderungen werden kontinuierlich und iterativ umgesetzt und alle Beteiligten lernen fortlaufend auch basierend auf dem Feedback der Kunden.Mit Low-Code Plattformen und Citizen Developern, wird es User Stories geben, die komplett und selbstständig durch den Citizen Developer umgesetzt werden können. Nachwievor bedingen aber  User Stories auch die Entwicklung durch klassische Entwickler..

Wichtig ist deshalb, dass Citizen Developer und klassische Developer eng in einem multidisziplinären Team zusammenarbeiten und auch über einen gemeinsamen Backlog jederzeit Transparenz zu den unterschiedlichen Entwicklungen herrscht. So ein Fusion Team, siehe auch https://www.gartner.com/en/articles/why-fusion-teams-matter , kann zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor der digitalen Transformation in Unternehmen werden.

Anforderungen an Citizen Developer

Somit wird auch vermieden, dass die Arbeit der Citizen Developer von der klassischen IT divergiert. Es gibt somit ein integriertes agiles Vorgehen zwischen Business, Entwicklung und Betrieb.

9 Empfehlungen

Unsere 9 konkreten Empfehlungen für die erfolgreiche Etablierung von Citizen Developern in Ihrem Unternehmen:

Erfolgsfaktoren für Citizen Developer
Kultur schaffen

Schaffen Sie die richtige Unternehmenskultur, so dass die Rolle im Fachbereich initialisiert und die Zusammenarbeit mit der IT nicht darunter leidet. Für den Erfolg ist es wichtig dem klassischen Entwickler begreiflich zu machen, dass der Ansatz der Citizen-Developer ihn nicht in seiner Existenz bedroht, sondern vielmehr von einfacher Codierung entlastet, um sich zukünftig auf komplexere Themen zu fokussieren.

Mit dem richtigen Fachbereich starten

Starten Sie mit einem Fachbereich in dem es sowohl die notwendigen motivierten und qualifizierten Mitarbeiter gibt, als auch vorhandenes Potenzial für erste Erfolge bei der Digitalisierung von Geschäftsprozessen gibt („Low hanging fruits“)

Auswahl der Low-Code Plattform

Treffen Sie die richtige strategische Entscheidung bei der Auswahl der Low-Code Plattform. Dies ist keine isolierte Entscheidung der IT. Achten Sie auf die Unterstützung von Standards (BPMN, DMN, CMMN) und Offenheit (ideal Open Source), so dass sie nicht in einem kostspieligen vendor lock-in landen.

Citizen Developer ausbilden und unterstützen

Die initiale Schulung und aber auch die fortlaufende Begleitung durch Coaching ihrer Citizen Developer ist wichtig für den Erfolg. Dies muss neben funktionalen Aspekten der Plattform auch methodische Aspekte abdecken.

Integration und Verzahnung mit vorhandenen Entwicklungsprozessen

Achten Sie darauf, dass Citizen Developer und klassische Entwickler nicht in getrennten Silos agieren. Etablieren Sie multidisziplänere Fusion Teams. Die Aufteilung muss klar sein, es muss aber jederzeit volle Transparenz über die Entwicklung herrschen. Achten Sie darauf, dass Ihre Plattform und aber auch Ihr Vorgehen Aspekte wie (automatisierte) Deployments, Versionierung und Qualitätssicherung konzeptionell unterstützt.

Agile Vorgehen übergreifend und gemeinsam leben

Stellen Sie die notwendige Diszplin bei der konsequenten Anwendung der agilen Vorgehen sicher. Etablieren sie gemeinsame Zeremonien (z.B. Retrospektiven) zwischen allen Beteiligten.

Lernen und Verbessern

Etablieren Sie kontinuierliche Lernzyklen (Build -> Measure -> Learn) und verankern sie die notwendige Unterstützung im Management

Erfolg zeigen und feiern

Erste Erfolge sind die Grundlage für die nächsten Schritte. Zeigen Sie diese Erfolge in der Organisation und machen sie diese Erfolge messbar (z.B. Dauer oder Aufwand für die Umsetzung von User Stories)

Aufbau eines Center of Excellence für Citizen Developer und Prozessmanagement

Als letzter Schritt bietet sich nach den ersten Erfolgen die Etablierung eines Center of Excellence (CoE) für die Community der Citizen Developer und Prozessverantwortlichen an. Es gilt Prozesse Ende-zu-Ende abteilungsübergreifend zu optimieren und zu digitalisieren. So erreichen Sie am Ende das Optimium für Ihr Unternehmen und Ihre Kunden.

Basierend auf unser langjährigen Erfahrung und erfolgreichen Projekten sind wir Ihr Partner für

  • Die Auswahl, Evaluierung und Einführung einer passenden Low-Code Plattform
  • Die erfolgreiche Etablierung von Citizen Developern in Ihrer Organisation
  • Die Digitalisierung und Automatisierung Ihrer Geschäftsprozesse

Lassen Sie uns reden.

Ihr Kontakt bei LionGate: Armin Oppitz, Vorstand und Gründer